Literarisches

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Mein A und O auf dem Bücherbord, eine Anstiftung zum Weiterlesen.

Am Anfang steht das kaum alternde Museum der Modernen Poesie von H. M. Enzensberger. Daneben Moderne Erzähler der Welt, vorgestellt von Heinrich Böll (sicher beraten von seiner Ehefrau, die auch eine namhafte Übersetzerin war). Von dort oben hole ich mir manchmal eins der schönsten Sachbücher, die unterhaltsame "Geschichte der griechischen Philosophie", mit der der ehemalige Marketing-Leiter von IBM als Prof. Bellavista nicht nur die Welt eroberte, sondern gelegentlich auch einen Platz auf meinem Nachttisch. Dort oben sehe ich das so unglückliche wie geistreiche Seelendrama des Abaelard: Die Leidensgeschichte und der Briefwechsel mit Heloisa. Da ein philosophischer Aphorismenschatz, die Minima Moralia - und in einem meiner Lieblingsbücher der Frankfurter Schule, der Ästhetischen Theorie, steht auf jeder Seite betörend Kluges vom dozierenden, musizierenden, komponierenden Theodor W. Adorno.

Früher, noch mit 14 Jahren auf dem volkeigenen Bett eines Internats hockend, las ich von der aufbegehrenden brasilianischen Jugend in Herren des Strandes, sehr sinnlich und sozialrevolutionär erzählt Jorge Amado zum Beispiel von dem Jungen 'Katerchen' und seinen Abenteuern in Bahia. Nicht viel später in den Westen, durch Familienzusammenführung "verschleppt", sah und las ich von Jean Anouilhs poetischer Colombe, ich sehe die junge Nackte an ihrem Fenster noch am deutlichsten vor mir - vor all seinen Komödien. Da oben der Band Der Boxer, den mochte Jurek Becker am meisten unter seinen eigenen Veröffentlichungen, bekannte er uns; und ich hatte das Filmskript von Jakob der Lügner als Gesprächsgrundlage zweimal bei unseren Verabredungen dabei. Von Peter Bichsel nehme ich die Kindergeschichten in die Hand, aus der Zeit der Zusammenarbeit von ihm handsigniert, wie man so sagt. Von Brecht die Gedichte in einem kleinen kompakten dunkelroten Band. Des Dichters und Publizisten Albert Camus Literarische Essays, damals im abgegriffenen Taschenbuch, noch bevor ich seinen Stakkatoroman Der Fremde las; Peter Handke wird diese Geschichte des gleichgültigen Mörders, bewusst oder nicht, einmal als Sujet in der "Angst des Tormanns beim Elfmeter" verwenden. Anton Cechow, Erzählungen, die den alten Gegensatz zwischen Westlern und (vor hundert Jahren dort slawophil genannten) Ostlern behandeln. Den Atem anhaltend, wie in einem melancholischen Roman verzauberten mich sofort John Cheevers Tagebücher, da hängt nämlich in schonungsloser Selbstanalyse sein ganzes chaotisches Leben plötzlich wie an einem kaum noch haltbaren Faden; ich verschenkte den Band dann einmal an einen Freund, gab aber nach Wochen reumütig vor, dieses mir kostbare Buch dem Beschenkten nur ausgeliehen zu haben und holte es mir zurück. Max Frisch, das Tagebuch in zwei blauen Lederbänden wie ein Klassiker, ich halte es für wichtiger als alle seine bekannten Stücke; hier daneben stehen im Grenzdienst geschriebene, 1940 sofort in Zürich veröffentlichte 92 Seiten zählende, eher heimatverbundene apolitische Blätter aus dem Brotsack; bis zur Wandlung Frischs vom geistigen Landesverteidiger einer heiligen Schweizer Institution, der Arme, nun wird er zum zornigen europäischen Stückeschreiber von der Schweiz ohne Armee.

Die rote Studienausgabe der Werke von Sigmund Freud hat Platz, damit der für mich aufregendste Literaturbau beschreibender Seelenanalyse. Querelle und Vier Stunden in Chatila von Jean Genet, wie meine so lange in fremden Bucheinbänden schlummernd versteckte satanisch gefährliche Literatur, sicher am politischen und moralischen Scheidewege. Kongo und Tschad, der schwarz-weiß bebilderte, fast spröde Reisebericht des mindestens homophilen Dichters André Gide. Die Wahlverwandtschaften, man lese sie einfach mal und bewundere, wie Goethe als Planspiel voller Lust, und Schrecken den Wettlauf zwischen Hase und Igel erzählt, den ein Jahrhundert später jener die Wissenschaft radikal wienernde Seelendoktor das Ich und das Es nennen wird - (sonst vom Frankfurter, in Ministerämter emigriert, extra die Hamburger Ausgabe, in 18 mittelbraunen Leinenbänden, mit Register, an einem Extraplatz, ich gestehe es), und vom anderen Weimarer Klassiker nur die Gedichte in einer geerbten kleinen hübschen Jugendstilausgabe.

Drei autobiographische Romane Meine Kindheit, Unter fremden Menschen, Meine Universitäten von Maxim Gorki, die mir einmal aus dem Bücherregal geklaut wurden, weil ich sie nicht ausleihen wollte: seither der fundierteste Trennungsgrund meines Lebens. Von Günter Grass sind hier nur die Gedichte (in der Übertragung von Michael Hamburger) und Katz und Maus. Zwischendrin, unübersehbar, die Märchen der Gebrüder Grimm, illustriert von Werner Klemke so klassisch humorig, als hätte Picasso seine erotischen Panfiguren zu deutschen Märchengestalten erfunden. Nedim Gürsel, Die erste Frau, des Gallimard-Autors poetische, schmale, betörend orientalische Erzählung, eine empfindsame Reise durch die Türkei, zugleich ein Märchen vom Erschrecken in der Pubertät. Peter Handkes Wunschloses Unglück, ein Werk des produktiven Schriftstellers, das ich am höchsten einschätze und wieder diese distanziert beschriebene Trauer um die Mutter - wie in "Der Fremde" von Albert Camus übrigens. Hebels Alemannische Gedichte, die kleineren, mehr lyrisch, die größeren, mehr episch, und dann das betrachtende und beschreibende Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - manchmal eine Lebensrettung auf einer vielleicht heimatlich engen Sprachscheide, wenn du nur des Hochdeutschen mächtig bist in der Fremde einer mundartlich orientierten Region. Ich denke, es wäre nützlich, immer auf die von Hebel selber besorgten Originaltexte zu achten, und sie notfalls laut zu lesen, um ihre konkrete Welthaltigkeit quasi mithörend zu verstehen, denn ihr Dialekt ist viel abhängiger von Sachverhalten als die hochdeutsche Sprache. Ich weiß nur, dass Goethe die alemannischen Gedichte rezensierte und vor seinem handverlesenen Weimarer Kreis vorlas, ja er meinte einmal, man müsse einem Dichter wie Hebel schon die Ehre antun, in den eigenen Bereich zu folgen und die dortige Sprache zu lernen, um sie zu verstehen. Rilke war lieber mitten in Paris mit Hebel-Texten allein als in Deutschland, 'wo man ihn in eine falsche Heimatkunst einspannen wird...'; der russische Dichter Leo Tolstoi beschäftigte sich sogar mit Alemannisch, um Hebel-Gedichte original zu lesen und auswendig zu können. Und der Philosoph Ernst Bloch, selber aus der süddeutschen Sprachregion stammend, wusste, warum der reife Leser, wenn er einer ist, immer wieder einkehrt, denn Hebel erzählt leicht, lebhaft, dicht, spannend, bedächtig in einem

Aus meinen Jahren mit dem Kind rührt das Vor-Lesen der Birne - Kindergeschichten von Günter Herburger, bis er mir mit Lauf und Wahn und Traum und Bahn jetzt wieder vorauseilte. Heinrich Heine und Erich Kästner lesen - nur die Tagespflichten können einen an der Pflicht- und Lustlektüre hindern, vor- und rückwärts blätternd. Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit, heißt ein Band mit Prosa und Gedichten, und Brichst du auf gen Ithaka... sämtliche Gedichte von Kavafis', von einem Dichter vor allem des Städtischen und der Geschichte, der vom besessenen innergriechischen Streit um Katharevousa und Demotiké, Hoch- und Volkssprache ziemlich unberührt blieb und volkssprachig in seinem Leben wurzelnd moderne Weltliteratur gestaltete; Brecht hatte ihn vor Augen, als er ein Gedicht bei der Lektüre eines spätgriechischen Dichters' betitelte. Von Yasar Kemal Zorn des Meeres der Roman vom Meer und der Stadt Istanbul. Kalevala, das finnische Nationalepos, Erinnerung an Alltag, Bräuche und (sozial erforschte) Sitten und Zauberbräuche, das manche Berliner Buchhandlungen für mich erfolglos in ihren Lagern suchten, bis sie bei den Verlagen vergebens fahndeten - nun bezog ich den Band über Internet das erste Mal. Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte der exzentrischen Frau, deren Grab am Ölberg ich mal vergeblich suchte. Luthers Bibel in der revidierten, also viel lesbareren Fassung, und in Leder gebunden mit schützendem Reißverschluss. Thomas Manns Felix Krull, das amüsanteste, und, die fiktive Romanbiografie eines Komponisten, der sich dem Teufel verschreibt, Doktor Faustus, für mich das reichhaltigste Buch des gehobenen Unterhaltungskünstlers. Michel de Montaigne, Essais, in vier Übersetzungen (darunter ist die alte DDR-Ausgabe bei Diederichs die brauchbarste - sie wurde schon zwei Mal nachgeahmt). Irmtraud Morgner aus Ost-Berlin, die ich in Frankfurt am Main, in meinem Auto nach Darmstadt bringend, ausführlich sprechen konnte, suche ich eine Weile vergebens, bis ich mich erinnere: ihre Trobadura Beatriz war mir dann doch zu vollschlank gewesen fürs schmale Board, so dass ich sie seinerzeit sehr gut an eine ebenso schöne wie kluge Freundin verschenken konnte. Heiner Müllers Autobiographie Krieg ohne Schlacht, die ich nicht liebe - aber ich weiß nicht, warum sie mich so fasziniert. Dagegen das mich immer intim berührende Handwerk des Lebens des einst zur italienischen Linken zählenden Cesare Pavese, der zeitweise Mussolini anhimmelte, es ist nun wieder erweitert um die Kürzungen, die Natalia Ginzburg und Calvino vornahmen. Des großen Dramatikers Pirandello vexierhafte Erzählungen Die Paduaner Mütze. Pessoas sinistres Buch der Unruhe zum Nachschlagen. Und Charles-Louis Philippes, Zola abwandelnde rührend konkrete Romane in der aufregenden ersten Übersetzung von Mardersteig, Davos (vom Verleger Kurt Wolf dringend empfohlen). Und alle von Sapphos Versen, den wenigen. Von einem leider verfemten Dichter die politisch emphatisch analysierenden Artikel in der Presse, und sein Roman Mitternachtskinder. Von George Sand die Geschichte meines Lebens in der hoffentlich noch nicht vergriffenen Auswahl als Insel-Taschenbuch. Visa, Ost-West-Lektionen, schon ewig vergriffen - und Vaterlandstage, ein künstlerisch und politisch weit gefächerter, mich sehr beeindruckender Roman, beides von dem rumänienbürtigen Dieter Schlesak. Und ein Buch, das mich auch während U-Bahn-Fahrten in Spannung hielt, bis zu Tränen rührte (immer wieder), die Geschichtensammlung Liebesfluchten von Bernhard Schlink, eine Veröffentlichung nach dem schon weltberühmten wunderbaren Band Der Vorleser.

Viele, vielleicht alle Geschichten von J. B. Singer habe ich, in die ich oft rettungslos verliebt bin. Marin Sorescu, einst ein dichtender Poesiepionier rumänischer Tagträumer, Der Fakir als Anfänger heißt einer der auf Deutsch erschienenen Bände seiner Gedichte und Ansichten; überhaupt ist es ein nur sehr schmales Werk von hoher Kunst der Gedanken und der Gefühle, und wer nicht gleich davon bewegt wird, der spürt es spätestens durch die Kunst der Übersetzer, die oft selbst meisterliche Dichter sind. Die 154 Shakespeare-Sonette (hier habe ich die sprachsensible Übersetzung von Karl Kraus, der sonst ja eher ein zeit- und kulturkritisch feuerspeiendes Reptil war) und alle Stücke dieses wichtigsten Dramatikers aller Zeiten in vier Bänden. Ödipus von Sophokles über Cocteau bis ... Natürlich die unersetzliche, teure, epochemachende, aber kurze Empfindsame Reise durch Frankreich und Italien von Laurence Sterne, am besten die herrliche Winkler-Ausgabe mit zeitgenössischen Illustrationen. Keine Frauen-, sondern Weltliteratur, die so sinnlich sanften, klugen und kunstvollen Gedichte der Wislawa Szymborska. Und gezeilter augenblick, schöne wie bizarre, an japanische Muster erinnernde deutsche Verse von Michael Urban. Wer hat schon Zeit für lange Prosa, als Leser, als Autor? Erst in der Reduktion zeigt sich oft die Kunst der Dichter, wie in der eher kleineren Prosa, mit Der leere Stuhl und Der Bader übertitelt, geschaffen von einem Pariser Berichterstatter, der als gelernter Naturwissenschaftler dann über die Sprache wirklich auf die Welt kam, als böhmischer, als melancholischer, als hochintellektueller Richard Weiner. Walt Whitmans hymnische Grasharfe, am besten in einer der unphilologischen Übertragungen nach der allerersten von Johannes Schlaf. Schließlich Gerhard Zwerenz' verschiedene, immer überraschende, intervenierende Zeitungsartikel (sogar Leserbriefe), und vor allem sein nicht nur amüsanter oder gar unmoralischer Casanova oder Kleiner Herr in Krieg und Frieden (von Zwerenz' Filmrollen hier nicht zu reden; ganz knapp noch ein Hinweis auf das Kinderbuch seiner Ehefrau I.). Natürlich würde noch vieles mehr auf ein Board passen, wenn’s mehrere Etagen gäbe... Ein hölzernes Querbrett ist eben keine lange Kirchenbank. Und es soll auch nicht zu einer geruhsamen Schlafstelle werden. Vielleicht wäre der Platz darunter erst für den mehrbändigen Duden, oder fürs ganze Meyers Enzyklopädische Lexikon, oder auch das Musiklexikon von Riemann denkbar?

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